Die Hohepriesterin im Tarot: Bedeutung, Geschichte und Schmuck aus Arkana-2-Symbolen
Sie sitzt hinter dem Vorhang und wartet. Der Vorhang ist blau und weiß, die Säulen Boaz und Jachin auf beiden Seiten. Sie trägt die Tora auf ihrem Schoß. Ihr Gesicht ist ruhig, ihre Augen schauen nicht nach außen. Sie hört zu. Der ganze Mond über ihrem Kopf.
Das ist die Hohepriesterin.
Während der Narr springt und der Magier agiert, sitzt die Hohepriesterin still. Sie kennt die Geheimnisse, aber sie teilt sie nicht mit. Sie wird nicht erklärt werden. Sie kann nur erlebt werden, im Stillen, wenn der Lärm aufhört und man anfängt, in sich selbst zuzuhören.
Die Hohepriesterin im Deck: zweite im Rang, erste im Geheimnis
Die Hohepriesterin ist Arkana II. Sie kommt unmittelbar nach dem Magier. Der Magier manifestiert, die Hohepriesterin verborgen. Der Magier spricht, die Hohepriesterin schweigt. Sie ist nicht das Gegenteil des Magiers, sondern sein notwendiger Kontrast: wo der Magier der Form gibt, dort gibt die Hohepriesterin dem Unbewussten Raum.
Ihr Name in verschiedenen Traditionen: In italienischen Decks die Papessa, die Päpstin. Diese Benennung kam aus einer mittelalterlichen Legende von einer Frau, die sich als Papst verkleidete und in das Amt aufstieg. Sie ist bereit, diese mächtige illegale Figur zu werden: die Frau im Zentrum der Macht, unerkannt, verborgen, aber entscheidend.
Mondstein und Mystische Geschichte
Der Mondstein war in der Antike und im Mittelalter mit Magie und Weiblichkeit verbunden. Römische Gemmenschneider nannten ihn adularescentia, das "mondliche Glühen", das durch den Stein zu fließen scheint. Er wurde getragen, um Träume zu fördern, Intuition zu verstärken und in der Dunkelheit zu navigieren.
In der Schmuckgeschichte erscheint der Mondstein in Art Nouveau Designs häufig, besonders in Arbeiten, die lunare und weibliche Symbolik betonen. Ein Mondstein-Anhänger ist heute ein Symbol für die Hohepriesterin: das Unbewusste, das Verborgen, die innere Stimme.
Die Säulen Boaz und Jachin
Auf der Waite-Karte stehen zwei Säulen, eine mit B (Boaz, "in ihm ist Stärke"), die andere mit J (Jachin, "er wird errichten"). Sie sind aus der kabbalistischen Tradition: Die rechte Säule der Struktur, die linke des Geheimnisses. Die Hohepriesterin sitzt zwischen ihnen, in der Mitte, im Gleichgewicht zwischen Manifestation und Geheimnis.
Dieser Balance der Säulen wird oft in modernem Schmuck durch das Motiv zweier vertikaler Linien oder zwei Säulen-Anhänger dargestellt, die zusammen getragen werden.