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Spanischer Trachtenschmuck: Emprendada, Botón charro, Baturra und die Garnitur der Tracht

Trachtenschmuck aus Spanien: Emprendada, Botón charro, Baturra und was sonst zur Tracht gehörte

Was zur spanischen Tracht wirklich getragen wurde

Auf Ibiza bekam ein Mädchen sein erstes Kettenglied zur Erstkommunion, und am Hochzeitstag überreichte der Bräutigam vierundzwanzig Ringe. Die ibizenkische Emprendada wurde nicht gekauft, sondern über Jahrzehnte zusammengetragen. Spanischer Trachtenschmuck war Vermögen, das man am Körper trug, und keine Zutat zum Kleid.

Das Gespräch über spanischen Schmuck biegt regelmäßig zu Mantilla und Peineta ab, weil beide auf jeder Postkarte zu sehen sind. Diese beiden Stücke haben ihren eigenen Text verdient und bekommen ihn auch: Mantilla und Peineta. Hier geht es um alles andere, um das, was man um den Hals legte, durch die Ohrläppchen zog und auf Tuch nähte.

Der Reiz dieser Stücke liegt darin, dass sie eine Rechnung sichtbar machen. Eine Kette aus vielen Strängen bedeutete etwas anderes als eine einzelne Schnur, eine dicht besetzte Knopfreihe etwas anderes als eine sparsame. Wer eine Trachtengarnitur ansah, las darin Vermögen, Familienstand und Herkunftstal ab, und niemand musste dafür etwas erklären.

Für deutsche Leserinnen und Leser gibt es einen Anker, der besser trägt als jeder Vergleich mit Modeschmuck: Tracht. Das Charivari an der Lederhose, silberne Knöpfe am Janker, die Kette mit gesammelten Trophäen, all das folgt derselben Logik wie die spanische Garnitur, nur mit anderem Material und anderem Anlass. Weiter unten steht ein eigener Abschnitt zu diesem Vergleich, samt der Frage, warum Idar-Oberstein und Santiago de Compostela zünftisch dieselbe Sorge hatten.

Die Übersicht über spanische Schmuckgeschichte nach Epochen und Schulen steht getrennt: spanische Schmucktradition. Der folgende Text bleibt beim Trachtenkomplex, also bei Stücken, die zu einem bestimmten Kleid gehörten und ohne dieses Kleid ihre Aufgabe verlieren.

Wie gut kennen Sie spanischen Trachtenschmuck?
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Die Emprendada von Ibiza ist

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Aderezo: die Garnitur ist die Einheit, nicht das Stück

Spanische Volksgoldschmiede dachten in Sätzen. Das Wort dafür lautet aderezo und meint einen zusammengehörigen Satz aus Halsschmuck, Ohrringen und einem dritten Stück, meist einer Brosche oder Ziernadel, gearbeitet in derselben Technik und nach derselben Zeichnung.

Was in einem aderezo steckt

In Valencia hat sich der Aufbau bis heute erhalten und lässt sich Stück für Stück benennen: die joya sitzt oben am Ausschnitt des Mieders, dazu kommt ein Collier und dazu kommen agujas, also Nadeln, die im hinteren Haarknoten stecken und ihn zugleich halten. Über den Knoten liegen die Kämme, gearbeitet in versilbertem oder vergoldetem Messing. Der Satz stammt vom Goldschmied und wird als Satz gedacht, nicht als Sammlung von Einzelkäufen.

Warum niemand einzeln kaufte

Der Grund ist nüchtern. Eine Bauernfamilie ging selten zum Goldschmied, manchmal ein einziges Mal im Leben, und bestellte dann alles auf einen Schlag. Das war billiger in der Arbeitszeit und sicherer im Ergebnis, weil die Stücke garantiert zueinander passten. Ohrringe später nachzukaufen bedeutete einen zweiten Weg, eine zweite Abrechnung und das Risiko, dass die Werkstatt die alte Zeichnung nicht mehr genau traf. Die Geschlossenheit dieser Garnituren ist also keine ästhetische Entscheidung, sondern eine Folge davon, wie selten der Kauf überhaupt stattfand.

Die Garnitur als Posten im Vermögen

Ein aderezo stand in Ehedokumenten neben Bettzeug, Vieh und Land. Er war jederzeit zu Geld zu machen, weil Silber und Gold sich einschmelzen oder verpfänden ließen, und er galt trotzdem als Eigentum der Frau und nicht als gemeinsames Familiengut. Das erklärt eine Dichte an Schmuck auf dem Festtagskleid, die heutigen Augen übertrieben vorkommt: getragen wurde nicht, was zum Gesicht passt, sondern was vorhanden ist.

Ein Trachtenstück trägt man einzeln oder gar nicht. Die ganze Garnitur zum Alltag ist Kostüm, und Kostüm kleidet niemanden.
Welches Stück der Trachtengarnitur passt zu Ihnen
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Was tragen Sie an einem gewöhnlichen Tag?

Wie man Trachtenschmuck heute trägt, ohne zu kostümieren

Ein Volksstück scheitert in der Stadt an einem einzigen Fehler: man legt es als Satz an, so wie es zum Fest gehört. Der Satz liest sich als Kostüm, ein einzelnes Stück daraus liest sich als Schmuck, und alles Weitere entscheidet die Nachbarschaft am Körper. Wer eine Emprendada im Ganzen anlegt, tritt auf. Wer ein Kreuz daraus an einer schlichten Kette trägt, hat ein Stück mit Herkunft und sonst nichts, und genau das ist der Zustand, in dem diese Arbeiten am besten aussehen.

Womit fängt man an, wenn einem diese Ästhetik gefällt?

Mit einem einzigen Stück, und zwar mit dem größten. Volksschmuck ist auf Masse und Relief gebaut, deshalb empfehle ich ihn als Solisten und nicht im Chor. Nehmen Sie die Ohrringe oder den Anhänger, nicht beides, und lassen Sie den Rest leer: Kette, Armreif und Ringe kommen ab. Je stiller es ringsum ist, desto überzeugender wirkt das Stück.

Was verdirbt so einen Auftritt am schnellsten?

Der Versuch, das Stück durch Ähnliches zu stützen. Ein volkstümlicher Ohrring plus volkstümliche Kette plus besticktes Oberteil ergibt eine Bühne, und der Mensch darin wird als Mitwirkender gelesen. Das zweite Problem ist glänzende glatte Beschlagware in der Nähe: reliefiertes Silber und spiegelnder Stahl streiten über die Oberfläche, und dabei verliert stets das Relief.

Und wenn das Stück geerbt ist und zu einem Satz gehört?

Dann teile ich den Satz nach Anlässen auf. Das Collier für den Abend und zu einfarbig Dunklem, die Ohrringe getrennt und im Alltag, die Brosche an den Mantel und nicht ans Kleid. Der Satz geht dabei nicht verloren, er bleibt als Satz in der Schachtel und wird in Teilen getragen. Das verlängert außerdem die Lebensdauer, weil Verschlüsse und Ösen alter Arbeit schneller verschleißen als das Metall selbst.

Was tue ich mit dunkel angelaufenem Silber?

Nichts Radikales. Ein altes Volksstück auf Hochglanz zu bringen heißt, das Relief zu löschen, für das es gemacht wurde: der dunkle Ton in den Tiefen ist die Zeichnung. Ein weiches Tuch über die erhabenen Stellen genügt. Wenn ein Stück vollständig schwarz ist und das stört, gebe ich die Reinigung an jemanden ab, der Patina von Schmutz unterscheiden kann.

Passt so ein Stück zu einem Anlass mit Kleiderordnung?

Ja, und dort wirkt es sogar am besten. Zu einem dunklen, glatten Stoff empfehle ich ein einziges großes Stück in Gesichtsnähe und darunter nichts weiter. Eine Garnitur, die für Kerzenlicht und für Bewegung gerechnet wurde, kommt bei Abendlicht in ihr eigenes Element, während sie im Tageslicht eines Büros einfach zu laut spricht.

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Woher die Trachtengarnitur kommt und wohin sie verschwand

Die Garnitur wirkt zeitlos, hat aber eine ziemlich genaue Biografie, und diese Biografie ist kürzer als der Eindruck. Was heute als jahrhundertealte Tradition auftritt, bekam seine feste Form zwischen dem späten 18. und dem mittleren 19. Jahrhundert.

Städtische Mode, die aufs Land absank

Volkstümliche Formen sind meist vereinfachte Versionen städtischer Stücke der vorigen Generation. Das lange Ohrgehänge mit Steinen, das Kreuz an mehreren Schnüren, die filigrane Brosche: erst trug man das in der Stadt, dann wanderte die Form in die Provinz, wurde dort gröber ausgeführt, größer gearbeitet und blieb stehen. Zwischen der städtischen Vorlage und ihrer ländlichen Fassung lag ein spürbarer Abstand, weshalb eine bäuerliche Festtagsgarnitur des 19. Jahrhunderts in der Silhouette auf die Mode des vorangegangenen Jahrhunderts antwortet.

Silber aus der Neuen Welt

Der Zustrom amerikanischen Silbers machte das Metall in einem Maß verfügbar, das vorher undenkbar war, und erst das erlaubte schweren Volksschmuck in Serie. Davor war ländlicher Schmuck häufig aus Kupfer, aus Messing oder gar nicht aus Metall. Silberknöpfe zu Dutzenden an einem einzigen Anzug sind die Möglichkeit einer bestimmten Epoche und kein uralter Brauch.

Der Moment, in dem Tracht zur Tracht wurde

Die Wahrnehmung des Festtagskleids als etwas Eigenes, Volkstümliches, entsteht spät, im 19. Jahrhundert, zusammen mit dem Interesse gebildeter Städter am Landleben. Von da an wird das Kleid beschrieben, gezeichnet und allmählich kanonisiert. Regionale Unterschiede, bis dahin beweglich, frieren ein. Vieles, was heute als strenge Regel einer Provinz gilt, wurde genau in dieser Phase festgeschrieben und schwankte davor von Dorf zu Dorf. Goyas Bildnisse aus derselben Zeit sind deshalb Quelle und nicht nur Kunst: was seine Modelle im Haar, am Hals und in den Ohren tragen, ist datierbares Material.

Die Truhe leerte sich

Als das Festtagskleid aus dem Gebrauch fiel, gingen die Garnituren zwei Wege. Ein Teil blieb als Andenken in den Familien, ein Teil wanderte zum Einschmelzen, denn Silber bleibt Silber, und die Wertschätzung für alte Handarbeit kam deutlich später. Deshalb sind vollständige Sätze selten und Einzelstücke häufig. Wer heute eine Kette mit gemischten Gliedern findet, sieht oft den Rest einer geteilten Erbschaft.

Folkloregruppen als neue Auftraggeber

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Garnituren für Auftritte neu angefertigt. Das hat das Handwerk gerettet, weil die Werkstätten wieder regelmäßige Aufträge bekamen und die Technik weitergeben konnten. Es hat aber auch eine Menge neuer Stücke nach alten Vorlagen erzeugt, und genau diese Stücke begegnen jemandem am ehesten, der glaubt, eine Antiquität gekauft zu haben.

Die Emprendada von Ibiza: eine Kette, die mit der Familie wuchs

Das bekannteste Stück der balearischen Tradition stammt von Ibiza und heißt Emprendada. Es handelt sich um mehrere Stränge, die gleichzeitig über der Brust getragen werden, und die Zusammensetzung hing direkt am Vermögen des Hauses: bei den einen ein bescheidenes Bündel, bei den anderen eine dichte Masse, die das ganze Mieder bedeckte.

Woraus sie zusammengesetzt ist

Die Stränge liegen wie Rosenkranzketten übereinander und werden von verzierten Silbernadeln zusammengehalten. Zwei Stücke tragen eigene Namen: sa creu, ein Kreuz in Filigranarbeit mit Einzelheiten aus roter Koralle, Perlen oder Steinen, und sa joia, ein reich verziertes Medaillon mit dem Bild der Jungfrau. Dazu kommen Ringe, Ohrringe und Zierknöpfe an der Bluse. Das Ensemble ist also kein Collier, sondern ein Aufbau aus vielen Teilen, der jedes Mal neu geordnet werden musste.

Silber und Koralle, später Gold

Die älteren Emprendadas beruhen auf Silber, Koralle und Perlmutt, die späteren auf Gold. Die rote Koralle ist dabei keine beliebige Farbe: im Mittelmeerraum gilt sie zugleich als Schutzstoff, und dieser Doppelsinn wird in einem eigenen Text auseinandergenommen, siehe Koralle in Schmuck. Wer eine alte Kette in der Hand hält, erkennt an der Mischung der Materialien mehrere Erwerbsphasen und damit mehrere Jahrzehnte Familiengeschichte.

Mitgift, die man sehen konnte

Goldene Halskettenglieder mit Zellenschmelz, Spanien, spätes 15. oder 16. Jahrhundert
Halskettenglieder, Spanien, spätes 15. oder 16. Jahrhundert. Gold mit Zellenschmelz. Höfische Arbeit, doch der Aufbau aus einzeln gefassten Gliedern trägt später auch die Stränge der Emprendada. The Metropolitan Museum of Art, CC0Elements from a Necklace, Spanish, late 15th-16th century. The Metropolitan Museum of Art, Open Access (CC0 1.0)

Die Emprendada war eine Form der Mitgift. Das erste Stück, meist eine Kette oder ein Kreuz, bekam das Mädchen zur Erstkommunion, weiteres kam im Lauf der Jahre dazu. Am Hochzeitstag überreichte der Bräutigam der Braut vierundzwanzig Ringe, getragen wurden sie an allen Fingern außer dem Daumen, und einige trugen ein Familienwappen und dienten als Siegel. Deshalb ist eine alte Emprendada nie einheitlich: in einem Ensemble stehen Glieder verschiedener Werkstätten und verschiedener Jahrzehnte nebeneinander, und wer sie zu lesen versteht, liest daran eine Familienchronik ab.

Bei welchen Anlässen sie herauskam

Gezeigt wurde der Schmuck bei der Sonntagsmesse, bei religiösen Prozessionen und beim ball pagès, dem bäuerlichen Tanz der Insel. Das vollständige Ensemble erschien nur bei den großen Anlässen, alles andere blieb in der Truhe. Heutige Folkloregruppen auf Ibiza legen die Emprendada für Auftritte an, und das ist die einzige Gelegenheit, sie in Bewegung statt hinter Glas zu sehen. Vor jedem Auftritt geht dieselbe Arbeit voraus wie früher vor jedem Fest: Schnüre nachbinden, Verschlüsse prüfen, die Reihen nach Länge sortieren, damit sie übereinander liegen und sich nicht verhaken.

Der Botón charro aus Salamanca: Silber statt Verschluss

Auf der kastilischen Hochebene ist das kennzeichnende Volksschmuckstück weder Ohrring noch Kette, sondern der Knopf. Die Männertracht der Gegend um Salamanca trägt Silberknöpfe an der Vorderseite der Jacke und an den Seiten der Hose, und gezählt wird in Dutzenden.

Wie der Knopf gebaut ist

Ein botón charro ist keine flache Auflage, sondern eine Kugel: eine halbrunde, innen hohle Form, aufgebaut aus Hunderten verdrehter Silberdrähte und kleiner Kügelchen unterschiedlicher Größe, die millimetergenau um eine zentrale Kugel gelegt werden. Die Technik heißt filigrana charra und ist mit der Drahtarbeit des Nordwestens verwandt, hat aber eine eigene Silhouette entwickelt. Der Aufbau folgt konzentrischen Kreisen aus Kügelchen um die Mitte, und in Salamanca deutet man die acht Kreise der klassischen Ausführung auf die Stadtviertel, die den Ort einst schützten.

Ein solcher Knopf schließt weniger, als dass er den Blick festhält. Er ist plastisch, fängt Licht auf der gesamten Oberfläche und wirkt als Reihe heller Punkte, die an der Figur von oben nach unten läuft.

Der Anzug, an dem er sitzt

Beschreibungen des Charro-Anzugs, wie sie Stecher des 18. und 19. Jahrhunderts überliefern, zählen die Teile genau auf: Hut, weißes Hemd mit Stickerei oder feiner Leinenkrause, der Kragen mit einem großen goldenen Knopf geschlossen, kurze taillierte Jacke mit Besatz, eine vorn offene Weste, die das Hemd zeigt, zwei Reihen breiter Silberknöpfe, breiter Gürtel, sehr breite Schärpe, am Oberschenkel eng anliegende calzona, schwarze Strümpfe und hohe Reitstiefel. Im Winter kommt ein Umhang dazu. Der Schmuck ist hier Teil der Konstruktion und kein Zubehör.

Warum es so viele sind

Die Dichte erklärt sich genauso wie die Dichte auf dem Frauenkleid: Knöpfe waren eine Form der Silberhaltung. Ein Mann, der weder Ringe noch Ohrringe trug, hatte trotzdem ein spürbares Gewicht Edelmetall an sich, und aus Zahl und Qualität der Knöpfe lasen die Nachbarn den Wohlstand des Hauses genauso zuverlässig ab wie aus der Zahl der Stränge einer Emprendada.

Woher das Handwerk kommt

Das Silberhandwerk Salamancas steht auf zünftischem Boden: eine Silberschmiedegilde mit eigener Bruderschaft besteht dort seit dem 15. Jahrhundert, und diese Kontinuität hat das Gewerbe getragen. An der Charro-Tracht ist der Silberknopf seit dem 17. Jahrhundert belegt und danach nie wieder verschwunden. Über den Ursprung der Kugelform streiten die Quellen bis heute: die einen führen sie auf salmantinische Werkstätten des 16. Jahrhunderts zurück, andere auf arabische und jüdische Drahtarbeit, wieder andere auf keltiberische Vorformen, und für den Gebrauch an der Tracht werden das 18. und 19. Jahrhundert genannt. Diese Uneinigkeit ist selbst eine Information: sie zeigt, wie wenig schriftliche Spur ein bäuerliches Handwerk hinterlässt.

Bevor die Reise durch die Regionen weitergeht, lohnt ein Überblick. Die folgende Tabelle stellt nebeneinander, welches Stück eine Gegend kennzeichnet, aus welchem Material es gearbeitet ist und worauf seine Wirkung berechnet war. Dabei fällt eine Linie auf, die quer durch das Land läuft: der Süden arbeitet auf Distanz und Bewegung, der Norden auf Nähe und Dichte der Handarbeit.

Baturra und arracada: wie eine Ohrringform nach Aragón kam

Die aragonesische Festtracht erkennt man an Ohrringen, die im Folklorewortschatz baturra heißen. Datiert werden sie ins 19. Jahrhundert, gearbeitet sind sie in Gold mit Amethysten verschiedener Schliffe, und ihre Form stammt nicht aus der Provinz selbst, sondern aus der katalanischen Tradition der arracadas.

Was eine arracada ist

Eine arracada ist ein großer hängender Ohrring mit sich nach unten verbreiterndem Teil, oft mit Steinen und mit beweglichen Elementen, die bei jeder Kopfbewegung Klang und Glanz erzeugen. Katalanische Werkstätten haben diese Form zu einer erkennbaren Silhouette gebracht, von dort ist sie in die Nachbarprovinzen gewandert und hat dabei Stein und Proportion verändert, den Aufbau aber behalten.

Wie die Form nach Aragón kam

Der Nachweis steckt in den Stücken selbst. Erhaltene Garnituren des 19. Jahrhunderts aus Gold und Amethysten unterschiedlicher Größe tragen eine Barceloneser Punze, obwohl sie im aragonesischen Zusammenhang überliefert sind. Volksschmuck wirkt fest an eine Landschaft gebunden, doch dieser Eindruck entsteht erst durch die heutige Bühnentracht. Tatsächlich reisten Formen mit Handwerkern und Kundschaft über die Märkte, und ein in Saragossa gekauftes Paar konnte nach katalanischem Vorbild gefertigt sein. Örtlich wurde nicht der Aufbau, sondern der Name und die Frage, zu welchem Kleid man das Stück trägt.

Warum Amethyst als aragonesisch gilt

Die Verbindung von Gold und Amethyst liest sich heute wie ein Erkennungszeichen der Provinz, obwohl die Steinwahl von Verfügbarkeit und vom Geschmack des Jahrhunderts bestimmt wurde. Ein violetter Stein in warmem Gold kommt bei Kerzenlicht besonders gut heraus, und genau so wurde diese Tracht gesehen: abends, im Zug der Prozession, bei offenem Feuer.

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Galicien: Filigran, Sapo und schwarzer Gagat

Im Nordwesten gilt eine andere Rechnung. Das galicische Hochzeitsensemble beruht auf Silberfiligran im regionalen Muster, also auf offenen, weit auseinandergezogenen Kompositionen mit Kreuzen und Muscheln. Ein vollständiger Satz einzelner Dörfer umfasst ein Filigrancollier, passende Ohrringe, einen Kreuzanhänger und eine Ziernadel.

Filigran als örtliche Handschrift

Filigran entsteht nicht im Guss, sondern aus Draht: der Meister legt das Muster aus gezogenem Faden und verlötet es. Die Technik liefert Stücke, die massiv aussehen und wenig wiegen, und genau das braucht jemand, der eine komplette Garnitur einen ganzen Prozessionstag lang trägt. Dieselbe Rechnung erklärt, warum Filigranstücke oft verbogen bei uns ankommen: ihre Festigkeit liegt unter der von Gussarbeit, und eine unachtsame Bewegung in der Truhe hinterlässt eine bleibende Spur. Die Technik selbst ist gesondert auseinandergenommen: Filigran und Drahtarbeit.

Der Sapo, das galicische Erkennungsstück

Goldperlen mit Filigran, Email und Perlen, Spanien, zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts
Perlen spanischer Arbeit, zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts: Gold, Filigran, Email, Perlen. Ein höfisches Stück, doch die Drahttechnik ist dieselbe, von der die Dorfwerkstätten lebten. The Metropolitan Museum of Art, CC0Beads, Spain, second half 15th century. The Metropolitan Museum of Art, Open Access (CC0 1.0)

Das eigenständigste Stück der Region trägt den Namen sapo, also Kröte. Es besteht aus drei beweglich verbundenen Körpern, die als umgekehrtes Dreieck hängen und in der Silhouette an das Tier erinnern, gearbeitet aus Silberfiligran in Verbindung mit Gagat. Getragen wird der Sapo als Anhänger, als Ohrring oder als Brosche, und in der Schmuckproduktion des 18. Jahrhunderts ist er stark vertreten. Wer galicische Tracht auf alten Fotografien sieht, findet ihn dort regelmäßig auf der Brust.

Gagat aus asturischen Gruben

Filigran steht im galicischen Satz selten allein, daneben liegt ein zweites Material, und es ist schwarz. Der Kontrast aus hellem Draht und stumpfem dunklem Volumen ergibt das nördliche Bild, an dem man diese Stücke selbst auf einer schlechten Aufnahme von südlichen unterscheidet.

Dieses zweite Material heißt auf Spanisch azabache, auf Deutsch Gagat. Es ist leicht, warm im Griff und lässt sich schneiden wie Holz, denn es ist versteinertes Holz. Rund um die Kathedrale von Santiago de Compostela arbeitete ein ganzer Berufsstand daran: die Bruderschaft der Gagatschneider ist seit 1410 belegt, im Jahr 1530 zählte die Zunft vierzig Handwerker, und in der Blütezeit zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert arbeiteten mehrere hundert Meister und Lehrlinge in der Stadt. Heute sind es kaum ein Dutzend. Die Zunftordnungen des 15. und 16. Jahrhunderts versuchten den Zuschnitt zu monopolisieren und verlangten, dass kein anderer als asturischer Gagat nach Santiago gelangte. Das Material kam also aus den Gruben Asturiens und nicht aus Galicien selbst. Mehr zum Stoff und seinen Eigenschaften steht hier: Azabache, spanischer Gagat.

Die Kundschaft dieser Werkstätten waren Pilger. Geschnitten wurde also nicht für die Nachbarschaft, sondern für Leute, die von weit her kamen und ihr Stück mit nach Hause nahmen. So verteilten sich die schwarzen Schutzzeichen des Nordwestens über halb Europa, lange bevor jemand über regionale Stile nachdachte.

Die Figa, das Amulett für Kinder

Die bekannteste Form aus Gagat ist die Figa, eine Faust mit dem Daumen unter dem Zeigefinger. Die ältesten erhaltenen Stücke werden ins 13. Jahrhundert datiert, getragen wurde sie vor allem von Kindern als Schutz gegen den bösen Blick, und in Hochzeitsgarnituren taucht sie ebenfalls auf. Die Geste selbst ist keine spanische Erfindung, sie ist im ganzen Mittelmeerraum seit der römischen Zeit bekannt, doch erst der schwarze Gagat hat sie unverwechselbar nordspanisch gemacht. In heutiger Fassung lässt sich dieselbe Form als Mano Figa Anhänger tragen, ohne dass daraus Kostüm wird.

Andalusien: Gold, das am Gesicht arbeitet

Die andalusische Festtracht, die außerhalb Spaniens als spanische Tracht schlechthin gilt, verlangt großes Gold in Gesichtsnähe. Große hängende Ohrringe, kräftige Ringe, mehrere Reihen Perlen. Die Logik ist die einer Bühne: das Kleid rechnet mit Bewegung und mit Blicken aus einiger Entfernung.

Warum die Ohrringe groß sind

Ein großer hängender Ohrring am Gesicht leistet genau das, was der Tanz braucht: er bewegt sich verzögert zum Kopf und läuft weiter, wenn der Kopf schon steht. Ein kleiner Ohrring kann das nicht. Aus demselben Grund fehlen im andalusischen Satz feine Kettchen beinahe vollständig: sie tragen über Entfernung nicht und gehen auf gemustertem Stoff verloren.

Gewicht und hohle Bauweise

Dieselbe Überlegung erklärt die Masse. Ein Ohrring muss schwer genug sein, um nach jeder Bewegung in die Senkrechte zurückzukehren, und leicht genug, um das Ohrläppchen über einen langen Tag nicht zu zerren. Die Werkstätten lösten das mit hohlen Körpern und mit einem Aufhängepunkt nahe der Oberkante, weshalb ein altes großes Stück in der Hand stets leichter ist, als das Auge erwartet.

Perlen in mehreren Reihen

Die Perlenstränge der andalusischen Tracht laufen nicht einzeln, sondern zu mehreren, und sie wirken als heller Streifen zwischen Hals und farbigem Stoff. Zum Material selbst, zu seinen Arten und Unterschieden, gibt es einen ausführlichen Text: Perlen, der vollständige Ratgeber. Für die Garnitur zählt vor allem die Anordnung: der Kamm setzt die Senkrechte, der Halsschmuck die Waagerechte, und in einem gelungenen Satz streiten diese beiden Achsen nicht miteinander.

Valencia: die Garnitur der Fallera

Die valencianische Tracht ist der Fall, in dem sich der Aufbau eines aderezo am genauesten nachvollziehen lässt, weil er bis heute nach Regeln getragen wird.

Joya, Collier und Nadeln

Die joya sitzt oben am Ausschnitt, das Collier liegt am Hals, die agujas stecken in den seitlichen und hinteren Haarknoten und halten diese fest. Über den Knoten sitzen die Kämme aus versilbertem oder vergoldetem Messing. Die Fassung des 19. Jahrhunderts arbeitet zusätzlich mit Perlen in Traubenform, was dem ganzen Kopf eine deutlich reichere Silhouette gibt als die ältere Variante. Wer den Aufbau einmal von hinten gesehen hat, versteht, warum eine Frau dafür Hilfe braucht und warum das Ankleiden Stunden dauert.

Wo man Tausende davon auf einmal sieht

Am 17. und 18. März zieht die Ofrenda de Flores durch Valencia zur Plaza de la Virgen, und die Trachtenordnung schreibt allen Teilnehmenden die traditionelle Kleidung vor, im Zug in Reihen von mindestens fünf Personen. Wer den valencianischen Satz nicht in der Vitrine, sondern an Menschen sehen will, hat dort die beste Gelegenheit in Europa, und zwar über zwei volle Tage hinweg.

Gegenden, die selten genannt werden

Außerhalb Spaniens kennt man von der ganzen Vielfalt die andalusische Variante, und dieser Ausschnitt verzerrt das Bild am stärksten.

Baskenland: Zurückhaltung als Regel

Der nördliche Satz ist deutlich karger und trockener in der Zeichnung. Weniger bewegliche Teile, weniger farbiges Material, mehr glattes Silber und einfache Geometrie. Das ist keine Armut der Gegend, sondern ein anderer Geschmack: das Stück wirkt über die Form und nicht über den Glanz, und es rechnet damit, aus der Nähe betrachtet zu werden. Das gebogene Kreuz mit vier Köpfen, das Lauburu, ist dort das Motiv, das man auf Truhen, Türstürzen und später auf Anhängern findet.

Katalonien: die Werkstatt, die Nachbarn belieferte

Die katalanische Tradition ist weniger wegen ihrer eigenen Tracht interessant als wegen ihrer Rolle als Formenlieferant. Die arracada, aus der die aragonesische Baturra hervorging, stammt von dort. Das ist ein guter Anlass, sich die Landkarte des Volksschmucks anders vorzustellen: nicht als Mosaik abgeschlossener Provinzen, sondern als Netz mit Produktionszentren und einer Peripherie, die kauft.

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Woraus das alles gearbeitet ist

Die Materialien erklären mehr als die Muster. Gewählt wurde, was in der Gegend zu bekommen war, was die Truhe überstand und was sich notfalls wieder zu Geld machen ließ.

Silber

Das Hauptmetall des ländlichen Spanien, besonders im Norden und in Kastilien. Es kostet weniger als Gold, es gießt sich gut und es lässt sich zu Draht ziehen, taugt also für Gussstücke wie für Filigran. Die dunkle Schicht auf altem Silber ist dabei kein Schaden: in tiefem Relief hebt sie die Zeichnung hervor, und die Werkstätten haben damit gerechnet.

Gold mit niedrigem Feingehalt

Das Gold südlicher und östlicher Garnituren hat meist einen niedrigen Feingehalt und liegt oft als dünnes Blech auf einem Kern. Das ist weder Fälschung noch Notlösung, sondern der Weg, mit begrenztem Metall den nötigen Umfang zu erreichen. Ein großer goldener Ohrring des 19. Jahrhunderts ist häufig hohl, und sein Gewicht bleibt weit unter dem, was die Hand erwartet.

Koralle, Gagat, Perlmutt

Die Farbe kam nicht von geschliffenen Edelsteinen, sondern von Stoffen aus Meer und Wald. Rote Koralle auf den Balearen und rund ums Mittelmeer, schwarzer Gagat im Norden, Perlmutt überall dort, wo es Muscheln gab. Alle drei haben neben der Farbe eine zweite Bedeutung, weil man ihnen Schutz zuschrieb, und beide Bedeutungen wurden zusammen getragen.

Glas

Glaseinlagen sind in einer volkstümlichen Arbeit normal und kein Betrug am Käufer. Das Material lieferte denselben optischen Eindruck zu einem erreichbaren Preis, niemand gab es als Edelstein aus, und der Wert des Stücks lag ohnehin im Metall und in der Arbeitszeit der Werkstatt.

Die religiöse Schicht der Garnitur

Schmuck und Glaubensgegenstand lassen sich in einem Volkssatz nicht trennen, und der Versuch zerstört sofort das Verständnis für die Stücke. Für den Menschen, der die Garnitur zusammentrug, gab es keinen Unterschied zwischen schützendem, festlichem und kirchlichem Gegenstand: alles gehörte in eine Kategorie, nämlich zu dem Wertvollen, das man an einem wichtigen Tag anlegt.

Das Kreuz als Dauerstück

Kreuze gehören landesweit zu den regionalen Sätzen, und Schmuck im heutigen Sinn waren sie nicht. Getragen wurden sie ständig, während der übrige Satz nur zu Festen herauskam, weshalb gerade die Kreuze in Familienbeständen stärker abgenutzt und häufiger repariert sind als alles andere. Die Form unterscheidet sich dabei stark: im Nordwesten legt man das Kreuz aus Draht und es wird leicht und durchbrochen, auf der Hochebene gießt man es massiv, im Süden trägt es oft Email oder eine Einlage. Zum Vergleich der Regionen eignet es sich deshalb am besten, weil der Gegenstand derselbe bleibt und nur die Lösungen wechseln.

Reliquiare und Medaillen

Spanisches Vortragekreuz aus Silber, um 1150 bis 1175
Vortragekreuz, Spanien, um 1150 bis 1175. Silber, teilweise vergoldet. The Metropolitan Museum of Art, CC0Processional Cross, Spanish, ca. 1150-75. The Metropolitan Museum of Art, Open Access (CC0 1.0)

Mit dem Kreuz ist die religiöse Schicht nicht erschöpft. Die nächste Ebene ist interessanter gebaut: Stücke, die ein Glaubenszeichen tragen und zugleich einen Inhalt aufnehmen, also als Behälter arbeiten. In die Stränge der Emprendada und in galicische Sätze gehören Medaillen mit Heiligenbildern, gelegentlich kleine Kapseln für eine Reliquie oder einen geweihten Gegenstand. Ein solches Stück war Wert, Schutz und Zugehörigkeitszeichen zur Pfarrei in einem, und deshalb wurde es getrennt vom übrigen Satz aufbewahrt.

Votivstücke

Eine eigene Schicht bilden Gegenstände, die nach einem Gelübde gestiftet wurden, für eine Heilung oder einen glücklichen Ausgang. In die Festgarnitur kamen sie selten vollständig, doch ihre Formensprache hat den Volksschmuck sichtbar geprägt, besonders im Süden, wo das Motiv der Hand, des Auges oder des Herzens immer wieder auftaucht.

Warum Amulett und Kirche sich nicht stritten

Eine Figa aus Gagat und eine Heiligenmedaille hingen ohne Widerspruch an demselben Hals. Volksfrömmigkeit verband Kirchliches und Vorchristliches ohne Mühe, und die Schmuckgarnitur zeigt das unmittelbar: sie ist aus verschiedenen Schutzquellen zusammengesetzt, aufgenommen nach dem Grundsatz, dass zusätzlicher Beistand nicht schadet.

Regionale Trachtengarnituren: worin sie sich unterscheiden
RegionHauptstückMaterialWorauf sie zielt
Ibiza und BalearenEmprendada, Stränge mit Kreuz und MedaillonSilber, Koralle, Perlmutt, später GoldMitgift sichtbar machen
Salamanca und HochebeneBotón charro, die FiligrankugelSilberdraht und KügelchenMetall speichern, Linie am Anzug ziehen
AragónBaturra, Ohrgehänge nach katalanischem VorbildGold mit AmethystNachschwingen bei Kerzenlicht
GalicienSapo und Filigrangarnitur zur HochzeitSilberfiligran mit GagatViel Fläche bei kleinem Gewicht, dazu Schutz
AndalusienGroße Ohrgehänge, mehrere PerlenreihenHohl gearbeitetes Gold, PerleAuf Entfernung und in Bewegung wirken
BaskenlandKlare Formen, Lauburu als MotivGlattes SilberAus nächster Nähe gelesen werden

Womit gearbeitet wurde

Ein Volkssatz verrät seine Herkunft über die Technik schneller als über das Motiv, denn die Technik gab die Werkstatt vor, während das Motiv reisen konnte.

Guss in die Form

Der Weg für Kreuze, Schnallen und Anhänger, also für Stücke, die in Stückzahl und gleichartig gebraucht wurden. Der Meister schnitt ein Modell, nahm die Form ab, wiederholte den Gegenstand und arbeitete anschließend mit dem Stichel nach, wo der Guss unscharf blieb. Ein Gussstück erkennt man am weichen Relief und an diesen Spuren der Nacharbeit.

Filigran

Dieselbe Drahtarbeit, die oben beschrieben ist, kommt im Volkssatz an mehreren Stellen vor: im galicischen Collier, in der salmantinischen Knopfkugel, in den Anhängern der balearischen Stränge. Die Werkstätten unterschieden sich weniger im Material als in der Dichte der Zeichnung und in der Frage, ob der Draht auf einer Platte liegt oder frei steht.

Treibarbeit und Blech

Ein Blech wird über einer Form ausgetrieben, und es entsteht Relief ohne Guss. So arbeitete man große Platten und Beschläge, gerade dort, wo Größe bei geringem Silberverbrauch verlangt war. Getriebene Stücke fühlen sich dünner an als gegossene und biegen sich leichter, weshalb alte Platten häufig mit Dellen erhalten sind.

Fassungen und Einlagen

Die volkstümliche Fassung ist beinahe immer geschlossen, der Stein sitzt also in einer Zarge und nicht in Krappen. Der Grund ist praktisch: eine Zarge hält fester und übersteht Stöße, während Krappen im Gedränge eines Festes an Tuch und Tuchschal hängen bleiben. An diesem Merkmal scheidet sich heutige Nachahmung von alter Arbeit besonders zuverlässig.

Frauensatz und Männersatz: zwei verschiedene Rechnungen

Der männliche Teil des Volksschmucks bleibt gewöhnlich unbeachtet, dabei ist er anders gebaut, und der Vergleich erklärt beide Seiten.

Das Weibliche hängt, das Männliche ist befestigt

Der Frauensatz hängt: Ohrringe, Ketten, Anhänger, also Gegenstände, die sich unabhängig vom Körper bewegen und Geräusch machen. Der Männersatz ist genäht und geschnallt: Knöpfe, Schnallen, Uhrkette, Mantelschließe. Er bewegt sich nicht und klingt nicht, sondern arbeitet als Ausstattung des Anzugs.

Männermetall wird gezählt, nicht betrachtet

Ein Frauenstück beurteilte man nach der Arbeit, also nach der Feinheit des Drahts, der Qualität der Fassung, der Seltenheit des Steins. Ein Männerstück nach der Zahl: wie viele Knöpfe, welche Reihe, ob sie durchgehend am Schaft sitzt. Daraus folgt bis heute ein unterschiedliches Sammlerinteresse, denn Frauenstücke werden einzeln und nach der Hand des Meisters gehandelt, Männerstücke in Sätzen und nach Vollständigkeit.

Was aus dem Männersatz die Tracht überlebt hat

Am längsten hielten sich Stücke mit einer Aufgabe jenseits der Zierde: Schnalle, Klammer, Kette, Anhänger am Band. Sie überstanden das Ende des Festtagsanzugs und wanderten in gewöhnliche Kleidung, während der aufgenähte Knopf ohne den Anzug seinen Sinn verlor und zum Sammelgegenstand wurde. Die Madrider Trachtensammlung ordnet ihn übrigens genau so ein: Männerschmuck steht dort als Uhrketten, Schuhschnallen und Ringe im Bestand, also als Gebrauchsgegenstände mit Zierwert.

Fünf Sätze über Trachtenschmuck, die man prüfen sollte
Jede Region trug jahrhundertelang nur Eigenes
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Trachtenschmuck war Alltagsschmuck
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Glas im Volksstück heißt, jemand wurde betrogen
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Angelaufenes Silber gehört auf Hochglanz gebracht
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Eine makellose Rückseite spricht für alte Meisterarbeit
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Der deutsche Blick: Tracht hier, Tracht dort

Wer aus dem deutschsprachigen Raum kommt, hat für diese Stücke ein besseres Auge, als er vermutet, denn dieselben Mechanismen laufen in der eigenen Trachtenkultur.

Das Charivari und die spanische Knopfreihe

Das Charivari entstand aus der Uhrkette und wurde zur Sammelkette mit Trophäen, seinen Namen bekam es im 19. Jahrhundert, das Wort selbst kam in napoleonischer Zeit in den deutschen Sprachraum. Getragen wird es von Männern am Latz der Lederhose, meist massiv in Silber gearbeitet, üblicherweise um dreiunddreißig Zentimeter lang, behängt mit Zähnen, Krallen, Münzen, Medaillen, Hornscheiben und Geweihstücken. Die weibliche Fassung arbeitet mit feineren Ketten und kleineren gegossenen Anhängern. Die Verwandtschaft zur salmantinischen Knopfreihe liegt auf der Hand: Männerschmuck sitzt am Kleidungsstück, er wird gezählt statt betrachtet, und er berichtet über den Träger etwas Nachprüfbares.

Idar-Oberstein und die Frage, wer den Stein schneiden darf

Die zweite Parallele betrifft das Zunftwesen. An der Nahe werden Achatfunde seit dem 15. Jahrhundert verarbeitet, zunächst in Schleifmühlen mit Wasserkraft, und eine Zunftordnung von 1609 machte Oberstein zum Hauptort der Achatschleifer im Territorium. Als die heimischen Vorkommen zur Neige gingen, wanderten Schleifer nach Südamerika aus, und 1834 traf die erste Ladung brasilianischer Achate ein. Santiago de Compostela hatte um 1500 dieselbe Sorge in umgekehrter Richtung: die dortige Zunft schrieb fest, dass nur asturischer Gagat in die Stadt gelangen dürfe. Zwei Handwerksorte, zwei Zünfte, dieselbe Frage nach Rohstoff und Kontrolle.

Was davon auf die Praxis übergeht

Aus dieser Verwandtschaft folgt ein sehr praktischer Vorteil. Wer weiß, wie ein silbernes Trachtenstück aus dem Alpenraum aussieht und anzufassen ist, erkennt an einem spanischen Volksstück sofort das Wesentliche: mattes, in den Tiefen dunkles Silber, plastische Oberfläche, Gewicht mit Sinn, Verschlüsse mit sichtbarer Handarbeit. Und wer schon einmal einen alten Silberknopf in der Hand hatte, ist gegen die häufigste Enttäuschung beim Kauf geimpft, nämlich gegen den zu glatten, zu gleichmäßigen Nachbau.

Spanische Arbeit ohne Tracht

Schmuck, in dem die Handschrift der spanischen Regionen weiterlebt und der sich zu gewöhnlicher Kleidung tragen lässt, nicht zum Festtagsgewand.

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Wo man das sehen kann

Eine Trachtengarnitur lässt sich schlecht über Fotografien lernen, denn Masse, Stärke und Beweglichkeit sind im Bild nicht ablesbar.

Museo del Traje in Madrid

Das Madrider Haus führt die Bestände fort, die aus dem 1934 per Dekret gegründeten Museo del Pueblo Español stammen, das seinerzeit mit über siebentausend Objekten in einundzwanzig Sälen begann. Die Sammlung regionaler Kleidung umfasst über fünftausend Stücke, dazu kommen rund neuntausend Accessoires, und der Schmuck ist nach Gattungen geordnet, also nach Ohrringen, Halsketten, Broschen, Anhängern, Ringen und Armbändern. Der Gewinn eines solchen Besuchs liegt in der Zusammenschau: dieselbe Kette wirkt an einer bekleideten Figur völlig anders als auf einem Kissen in der Vitrine.

Zamora und Pontevedra

Das Ethnografische Museum von Kastilien und León in Zamora, seit Ende 2002 geöffnet, zeigt auf fünf Ebenen Trachten und Schmuck der Hochebene, darunter charro-Festkleidung. Für den schwarzen Gagat führt der Weg nach Galicien: das Museum von Pontevedra hält die weltweit größte Sammlung kompostelanischer Gagatarbeiten, rund dreihundert Stücke aus dem 16. bis 20. Jahrhundert, untergebracht im Gebäude García Flórez. In Santiago selbst kommt die Sammlung des Pilgermuseums dazu.

Feste, bei denen die Garnitur getragen wird

Lebendig ist die Sache dort, wo die Stücke ihre Aufgabe erfüllen: bei der Ofrenda in Valencia am 17. und 18. März, beim ball pagès auf Ibiza und bei den Festen von Salamanca, wo die Charro-Tracht ausgeführt wird. Dort wird sichtbar, wofür alles gebaut ist: wie ein Ohrring der Kopfbewegung nachläuft, wie bewegliche Teile klingen und warum ein feines Kettchen in diesem Kleid nichts ausrichtet.

Alt oder Nachbau: woran man es erkennt

Das ist die erste praktische Frage, sobald einem diese Stücke gefallen und man kaufen möchte.

Abnutzung sitzt an bestimmten Stellen

Ein altes Stück ist ungleichmäßig abgerieben, nämlich dort, wo es scheuerte: innen an der Öse des Anhängers, an der Kante des Ohrrings zur Halsseite hin, auf der Rückseite des Knopfes. Gleichmäßiger Abrieb über die ganze Oberfläche bedeutet künstliche Alterung, denn echter Verschleiß bleibt örtlich.

Die Rückseite sagt mehr als die Vorderseite

Eine Werkstatt des 19. Jahrhunderts vollendete die Schauseite und ließ die Kehrseite als Arbeitsfläche stehen. Dort finden sich Feilstriche, ungleichmäßiges Lot und Ösen, die nicht symmetrisch sitzen. Ein Nachbau ist häufig beidseitig gleich sauber, weil er technisch anders entsteht. Eine tadellose Kehrseite an einem angeblich hundertjährigen Trachtenstück ist ein Grund zur Nachfrage.

Gleichförmigkeit spricht gegen Alter

In einem alten Satz gleicht kein Element dem anderen vollständig, weil jedes Drahtblatt von Hand gelegt wurde. Stimmen zehn Glieder auf den Millimeter überein, liegt ein Abguss aus einer Form vor, und das ist moderne Arbeit, auch wenn das Metall dunkel angelaufen ist.

Fragen Sie nicht nach dem Alter, fragen Sie nach der Werkstatt

Verkäufer lügen selten geradeheraus, bestätigen aber gern. Die Frage nach dem Alter provoziert die Antwort, die man hören möchte. Die Frage nach Werkstatt, Gegend und Arbeitsweise liefert dagegen etwas Prüfbares: eine konkrete Auskunft lässt sich nachschlagen, eine ausweichende verrät sich von selbst.

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Fakten, die überraschen

Häufige Fragen

Was genau ist eine Emprendada?

Ein mehrreihiger Brustschmuck der ibizenkischen Tracht, aufgebaut aus Strängen, die von verzierten Silbernadeln zusammengehalten werden, dazu ein Filigrankreuz und ein Medaillon mit dem Bild der Jungfrau. Die älteren Stücke bestehen aus Silber und Koralle, die jüngeren aus Gold. Gekauft wurde eine solche Kette nicht auf einmal, sie wuchs über Jahre, weil sie als Mitgift diente und mit jedem wichtigen Familienereignis Zuwachs bekam.

Woran erkennt man einen echten Botón charro?

An der Bauweise. Die Kugel besteht aus vielen einzeln gelegten, verdrehten Drähten und aus Kügelchen unterschiedlicher Größe, die um eine Mitte herum aufgebaut sind, und keine zwei Knöpfe einer alten Reihe sind identisch. Ein moderner Abguss zeigt gleichmäßige, leicht weiche Formen und eine saubere Rückseite. Hinzu kommt das Gewicht: eine hohle Filigrankugel ist erstaunlich leicht.

Ist Azabache dasselbe wie Gagat?

Ja, azabache ist das spanische Wort für Gagat. Das Material ist versteinertes Holz, also kein Mineral im engeren Sinn, es fühlt sich warm an, ist leicht und lässt sich mit Werkzeug für Holz schneiden. Von schwarzem Achat unterscheidet es sich sofort im Gewicht und in der Temperatur an der Haut. Der Rohstoff der kompostelanischen Werkstätten stammte aus asturischen Gruben.

Kann man ein altes Trachtenstück täglich tragen?

Das Metall hält aus, die Verbindungen nicht. Ösen, Scharniere und Verschlüsse alter Arbeit verschleißen schneller als der Korpus, weshalb tägliches Tragen eines antiken Stücks meist mit einem Verlust endet. Für jeden Tag ist eine heutige Arbeit in derselben Formensprache die vernünftige Wahl, und das antike Stück bleibt den Anlässen vorbehalten, für die es gebaut wurde.

Wo sieht man spanischen Trachtenschmuck in einem Museum?

In Madrid im Museo del Traje mit den Beständen des früheren Museo del Pueblo Español, in Zamora im Ethnografischen Museum von Kastilien und León, in Pontevedra mit der größten Sammlung kompostelanischer Gagatarbeiten und in Santiago im Pilgermuseum. Wer die Stücke in Bewegung sehen will, plant besser um ein Fest herum, etwa um die Ofrenda in Valencia Mitte März.

Was bedeutet die Figa und darf man sie tragen?

Die Figa ist eine Faust mit dem Daumen unter dem Zeigefinger, ein Schutzzeichen gegen den bösen Blick, im Mittelmeerraum seit der römischen Zeit bekannt und in Spanien vor allem in schwarzem Gagat ausgeführt. Getragen wurde sie besonders von Kindern. Es handelt sich um ein Volksamulett und nicht um ein liturgisches Zeichen, und deshalb steht dem Tragen als Form nichts entgegen.

Wie unterscheide ich Filigran von Guss?

Am Rand und am Licht. Filigran besteht aus einzelnen Drähten, die man an den Kreuzungspunkten und an den winzigen Lotstellen erkennt, und es lässt Licht durch, wo der Draht frei steht. Guss hat geschlossene Flächen, weiche Kanten und häufig kleine Blasen oder Nacharbeitsspuren mit dem Stichel. Im Gewicht liegt Filigran deutlich unter einem gegossenen Stück gleicher Größe.

Warum ist so viel Silber und so wenig Gold verarbeitet?

Silber war erreichbar, es ließ sich gießen und zu Draht ziehen und war notfalls schnell wieder zu Geld zu machen. Gold kam dort zum Einsatz, wo die Farbe am Gesicht zählte, also im Süden und im Osten, und häufig als dünnes Blech auf einem Kern. Das erklärt auch, warum große goldene Ohrringe des 19. Jahrhunderts oft hohl gearbeitet sind.

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Was von der Tracht bleibt

Die spanische Trachtengarnitur ist aus dem Alltag verschwunden, hat aber eine Rechnung hinterlassen, die ohne das Kleid weiterläuft: das Stück wird groß gearbeitet, plastisch und auf Bewegung hin, und das Material wird danach gewählt, wie es die Zeit übersteht und wie es bei lebendigem Licht auf der Haut liegt. Diese Rechnung ist in heutiger spanischer Arbeit noch zu erkennen, und sie unterscheidet sie von einer allgemeinen internationalen Schmucksprache.

Wenn von alldem eine einzige Regel bleiben soll, dann diese: das Volksstück war Teil eines Satzes und vertrug deshalb Nachbarn, heute klingt es allein am stärksten.

Über Zevira

Zevira stellt Schmuck zusammen, hinter dem etwas steht: Zeichen, Geschichte und eine Form, die aus dem Handwerkserbe der spanischen Regionen kommt. Aus den Trachtengarnituren nehmen wir das mit, was auch ohne Festkleid funktioniert, nämlich Masse, Relief und ehrliches Material.

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