Sumerischer Schmuck: Ein Leitfaden zum Schmuck der altesten Zivilisation

Sumerischer Schmuck: Ein Leitfaden zum Schmuck der altesten Zivilisation
Einfuhrung
Die Sumerer lebten im sudlichen Teil Mesopotamiens, zwischen Tigris und Euphrat, von der Mitte des vierten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung bis zum Beginn des zweiten. Es war die erste stadtische Zivilisation der Wissenschaftsgeschichte: Ur, Uruk, Lagasch, Nippur, Eridu entstanden als echte Stadte, lange bevor die ersten agyptischen Nomen am Nil aufkamen. Die Sumerer erfanden die Keilschrift, das Rad, die Bewaesserungstechnik und das Sechzigersystem, das uns Stunde und Grad gibt. Und sie schufen die erste Schmucktradition der Geschichte -- eine, deren technische Reife Forschende bis heute in Staunen versetzt.
Im Jahr 1922 begannen die Grabungen am Hugel Tell el-Muqayyar, unter dem das antike Ur lag. Geleitet wurden sie im Auftrag des British Museum und des University of Pennsylvania Museum gemeinsam. Die Leitung hatte der britische Archaologe Leonard Woolley inne, einer der bedeutendsten Feldarchaologen seiner Zeit. Bis 1934, als die Arbeiten abgeschlossen waren, hatte die Welt eine der wichtigsten archaologischen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts erhalten: die Konigsgraber von Ur, datiert auf etwa 2600 bis 2500 vor unserer Zeitrechnung. Sechzehn ausserordentlich reiche Bestattungen lieferten Goldhelme, Diademe mit Buchenblattern, Halsketten aus Lapislazuli und Karneol, mondformige Ohrringe, Rollsiegel und Dutzende weiterer Objekte von einer Qualitat, die Europa erst Jahrtausende spater erreichen sollte.
Das Erstaunliche ist nicht das Alter, sondern die Reife der sumerischen Schmucktradition. Als die Konigsgraber von Ur angelegt wurden, beherrschten sumerische Handwerker bereits Granulation, Filigran, Einlegearbeit, das Ziehen von Golddraht und die Pragearbeit auf Reliefmatrizen. Sie fertigten komplexe vielschichtige Schmuckstucke aus Dutzenden von Einzelteilen, importierten Lapislazuli aus Afghanistan uber zweieinhalbtausend Kilometer und handelten Karneol mit dem Industal. Das war keine naive Fruhform, sondern eine ausgereifte, gefestigte Schule.
Ziel dieses Artikels ist es, nicht bloss einen Katalog von Museumsobjekten zu prasentieren, sondern den lebendigen Zusammenhang zwischen sumerischem Schmuck und dem zu zeigen, was wir heute tragen. Die Rosette der Inanna, der Achtpunktstern der Ischtar, die Mondsichel des Mondgottes Sin, die Sonnenscheibe des Schama, granulierte Goldperlen, Filigranket ten: all das wirkt als visuelle Sprache noch funftausend Jahre spater. Die sumerische Asthetik lebt im Art deco, im ethnischen Silberschmuck, in modernen Rekonstruktionen und in einzelnen Motiven minimalistischer Stucke -- nicht als Zitat, sondern als tiefe Kulturschicht.
Bei Zevira nahern wir uns diesem Thema mit akademischer Sorgfalt. Die Grabungen der Konigsgraber von Ur, die mesopotamischen Sammlungen des Vorderasiatischen Museums Berlin und des British Museum, die Arbeiten von Samuel Noah Kramer und Thorkild Jacobsen bilden das Fundament, auf dem unsere historisch-archaologische Linie steht. Wir fertigen Schmuck, der die Quelle respektiert und im heutigen Alltag getragen werden kann.
Die wichtigsten sumerischen Schmuckformen
Der sumerische Schmuckschrank war erheblich reicher, als viele sich vorstellen. Es handelte sich nicht um einzelne Amulette an einer Schnur, sondern um vollstandige Ensembles, die Frauen und Manner der Elite gleichzeitig trugen. Das Grab der Konigin Puabi gibt einen Eindruck vom Umfang: Mehrere Kilogramm Gold, Silber, Lapislazuli und Karneol lagen auf und um ihr Skelett herum.
Diademe und Kopfschmuck nahmen die zentrale Stellung ein. Das beruhmteste ist der Kopfschmuck der Konigin Puabi: mehrere Lagen aus goldenen Bandern mit Lapislazuli- und Karneolanhangern, daruber ein Kranz aus goldenen Buchenblattern mit Steineinlagen, dann ein Kamm aus goldenen Blumenrosetten auf hohen Stielen. Das gesamte Konstrukt war auf einer Perucke aus schwarzer Wolle befestigt. Ahnliche, wenn auch weniger prunkvolle Kopfbedeckungen trugen Priesterinnen und stadtische Edle.
Halsketten waren vielreihig. Nicht selten lagen funf, sieben oder zehn Perlenschnure gleichzeitig auf einem Korper. Die Perlen wurden in einer bestimmten Reihenfolge aufgefadelt: lange Karneoltropfenanhanger, runde Lapislazulikugeln, goldene bikonische Elemente, manchmal kleine Goldfiguren von Tieren. Die Kombination aus rotem Karneol, blauem Lapislazuli und gelbem Gold ergab den beruhmten dreifarbigen sumerischen Akkord, der zum visuellen Erkennungszeichen Mesopotamiens fur Jahrtausende wurde.
Ohrringe waren gross. Die verbreitetste Form war eine Mondsichel aus Goldfolie auf einem Rahmen, manchmal mit Granulation am Rand, manchmal mit Anhangern. Dutzende Paare solcher Ohrringe wurden in den Grabern von Ur gefunden. Einige Exemplare erreichen funf bis sechs Zentimeter Durchmesser. Ihnen zufolge trugen die Trager sie in Ohrlochdurchbohrungen -- wie heute.
Ringe dienten einem doppelten Zweck. Einerseits einfache Goldbander, manchmal mit Granulation und Filigran. Andererseits Ringe mit Rollsiegeln: ein kleines geschnitztes zylindrisches Steinchen an einem Goldstift oder an einer Kette. Ein solches Objekt diente zugleich als Schmuck, Amulett und personliche Unterschrift des Besitzers. Der Abdruck des Siegels im Ton war rechtlich verbindlich, daher trug man es buchstablich am Korper.
Manschettenbander wurden aus Goldfolie uber einem Holz- oder Bitumenkern gefertigt -- leicht, aber optisch massiv. Ein anderer Typ bestand aus Gold- und Lapislazuliperlen auf mehreren Schnuren zu einer breiten Bahn zusammengefasst. Gurtelschmuck -- breite Gurtel aus denselben vielreihigen Perlen -- betonte die Silhouette.
Eine eigene Kategorie bildeten Amulett-Anhanger mit Gottesdarstellungen: ein winziger goldener Stier als Symbol des Enlil, der goldene Fisch des Enki, die stilisierte achtblattrige Rosette der Inanna. Sie wurden entweder als zentrales Element einer Halskette oder allein an einer schlichten Schnur getragen.
Das Grab der Konigin Puabi
Puabi verdient einen eigenen Abschnitt. Ihre Bestattung ist eine der beruhmtesten archaologischen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts, und ihr Name bedeutet fur die Schmuckgeschichte ungefahr so viel wie der Name Tutanchamun fur die Agyptologie.
1927, wahrend der funften Grabungssaison Woolleys in Ur, fand das Team das Grab PG 800. Die Grabkammer gehorte einer etwa vierzigjahrigen Frau, auf Holztragen in einer Steinkammer beigesetzt. In einer separaten Grabgrube daneben lagen die Korper von funfundzwanzig Begleitpersonen: Manner mit Speeren und Helmen, Frauen in Schmuck, Wagenlenker mit Ochsen und Wagen. Es waren Begleiterinnen und Begleiter, die beim Begrabnis der Herrin geopfert worden waren. Woolley beschrieb die Lage der Korper als Zeichen eines ruhigen Abschieds: Die Menschen scheinen ein Praparat eingenommen und ohne Widerstand gestorben zu sein. Computertomografische Untersuchungen der Schadel im einundzwanzigsten Jahrhundert ergaben Spuren von Schlagenan die Schlafe mit einem stumpfen Gegenstand -- was das Bild erheblich dunkler farbt.
Die Identitat der Frau wurde durch ein Rollsiegel an ihrem Korper festgestellt. Die Keilschriftinschrift lautete: Puabi, Nin -- was Herrin oder Konigin bedeutet. Ob sie politische Konigin oder Oberpriesterin war, ist unter Forschenden bis heute umstritten. Ihr Rang war in jedem Fall der hochste.
Auf dem Skelett lagen etwa drei Kilogramm Schmuck. Die zentralen Elemente waren: ein massiver goldener Kopfschmuck in drei Lagen (Bander, Buchenblatter, Blumenkamme), mondformige Ohrringe, drei Halsketten aus Gold-, Lapislazuli- und Karneolperlen, ein breiter Gurtel aus denselben Materialien auf mehreren Schnuren, zehn Goldringe an den Fingern, ein Rollsiegel, ein fischerformiges Amulett und zahlreiche Einzelperlen, die um den Korper verstreut lagen. Uber dem Korper stand ein goldener Becher, daneben ein goldenes Biertrinkrohr -- ein im sumerischen Alltag gebraulich es Tischgerat.
Nach der Ausgrabung wurde die Sammlung gemas der damaligen Fundteilungsvereinbarung auf drei Institutionen aufgeteilt. Ein Teil ging an das British Museum in London, ein Teil an das Penn Museum (University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology) in Philadelphia, ein Teil verblieb im Nationalmuseum des Irak in Bagdad. Der beruhmte goldene Buchenblatterkranz gehort zu den in Bagdad aufbewahrten Stucken.
Im April 2003, wahrend des Einmarschs in den Irak, wurde das Nationalmuseum geplundert. Tausende Artefakte verschwanden aus den Magazinen, darunter Teile des Inventars der Ur-Graber. Vieles wurde spater durch Interpol-Ermittlungen und muhevolle Restaurierungsarbeit zuruckgewonnen, doch ein Teil der Objekte gilt als dauerhaft verloren. Die von Woolley angefertigte Kopfrekonstruktion der Konigin Puabi blieb erhalten.
Fur uns, die wir heute mit sumerischer Asthetik arbeiten, ist Puabi der primare Referenzpunkt. Ihr Kopfschmuck wurde von Dutzenden Schmuckwerkstatten repliziert, von Universitatsateliers bis zu grossen Museen. Eine genaue Nachbildung aus denselben Materialien und Proportionen gilt als eine der technisch anspruchsvollsten Aufgaben in der historischen Schmuckrekonstruktion.
Das Vorderasiatische Museum Berlin bewahrt eine bedeutende mesopotamische Sammlung: Rollsiegel, Keilschrifttafeln, architektonische Rekonstruktionen. Die Berliner Vorderasien-Forschung hat seit Robert Koldeweys Babylon-Ausgrabungen (1899 bis 1917) eine eigene wissenschaftliche Tradition, auf der auch die heutige Asyriologie und Schmuckgeschichtsschreibung im deutschen Sprachraum aufbaut.
Lapislazuli und Karneol
Ohne diese beiden Steine ist kein Gesprach uber sumerischen Schmuck vollstandig. Sie bestimmen seine visuelle Identitat so sicher wie Turkis die agyptische.
Lapislazuli hatte in der antiken Welt nur eine bedeutende Quelle: Sar-i-Sang, eine Lagerstatte in der Provinz Badachschan im Nordosten des heutigen Afghanistan, in den Auslaufern des Hindukusch. Von dort stammt noch heute der feinste Lapislazuli der Welt: dichter blauer Stein mit goldfleckigen Pyriteinschlussen und ohne grosse weisse Kalzitflecken. Die Luftliniendistanz von Sar-i-Sang nach Ur betragt etwa zweieinhalbtausend Kilometer; auf Karawanenrouten durch Iran naher an dreieinhalbtausend. Das bedeutet, dass dreitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung, in einer Epoche, in der das Rad gerade erst erschienen war, bereits ein weitreichendes Handelsnetz den blauen Stein in die Stadte Sumers lieferte.
Fur die Sumerer war diese Farbe heilig. Das Blau des Lapislazuli war der Himmel, auf dem die Gotter wohnten. Es waren -- der Mythologie zufolge -- die Haare der Gottin Inanna. Als Inanna im beruhmten poetischen Text in die Unterwelt hinabsteigt, tragt sie sieben Attribute, eines davon eine Lapislazuli-Halskette. Der Stein hatte hochste kultische Bedeutung.
Er wurde in Form von Perlen verschiedener Formen verwendet: kugelformig, bikonisch, tropfenformig, zylindrisch. Gemmen mit Gottesdarstellungen wurden geschnitten. In Goldstege eingelegt, erzeugte Lapislazuli den Blau-Gelb-Kontrast, der noch heute erstaunlich modern wirkt. Grosse kompositorische Platten wurden ebenfalls in Lapislazuli gearbeitet, so die beruhmte Standarte von Ur, auf der eingelegte Lapislazulitafeln Kriegs- und Friedensszenen zeigen.
Karneol, die rotlichorange Variante des Chalzedons, kam aus der entgegengesetzten Richtung: dem Sudosten. Die wichtigste Quelle war Gujarat im westlichen Indien und das Industal, Heimat der Harappa-Zivilisation, die zur selben Zeit wie Sumer aufbluhte. Uber den Persischen Golf, auf dem Seeweg und uber die Landrouten Irans kamen Karneolperlen zu Tausenden nach Ur und in die Nachbarstade.
Besonderer Erwahnung verdienen die sogenannten geatzten Karneolperlen. Es handelt sich um eine typisch harappanische Technik: Auf eine polierte Perle wurde eine Alkalipaste aufgetragen und erhitzt, was die Oberflache entfarbte und ein weisses Muster auf rotem Grund erzeugte. Perlen mit solchen Mustern wurden sowohl in Stadten des Industals als auch in den Konigsgrabern von Ur gefunden -- einer der uberzeugendsten archaologischen Belege fur direkte Handelsbeziehungen zwischen den beiden Zivilisationen.
Neben Lapislazuli und Karneol verwendeten die Sumerer Achat, Chalzedon, Pyrit, Quarz, Bergkristall, Perlmutt, Kaurimuscheln und Elfenbein. Aber die Triade aus Gold, Lapislazuli und Karneol wurde ihr Markenzeichen. Rot, Blau, Gelb -- drei reine Farben, die einen visuellen Akkord bilden, der sofort erkennbar ist und bis heute wirkt.
Gold, Silber und Elektrum
Gold war das vorrangige Edelmetall der Sumerer. Es wurde aus mehreren Regionen bezogen: Anatolien (heutige Turkei), die Wusten der Arabischen Halbinsel und moglicherweise das Armenische Hochland. Goldstaub und Nuggets wurden in die Flussstade Sumers gebracht, zu Barrens umgeschmolzen und direkt verarbeitet.
In der Reinheit ubertraf sumerisches Gold typischerweise das spatere antike Gold -- oft rund vierundzwanzig Karat, manchmal nahe am reinen Metal. Das hangt mit primitiven Raffinierungsverfahren zusammen: Gold und Silber wurden durch Rosten mit Salz und Blei getrennt, und fruhe Raffinierungen ergaben hochreines Metall. Niedrigkaratige Legierungen entstanden spater, als Abriebfestigkeit wichtiger wurde.
Silber war bekannt und wurde genutzt, sein Ansehen schwankte jedoch. In der fruhen Periode war es dem Gold im Prestige beinahe gleichgestellt, spater trat es zuruck. Die Hauptquellen waren die Taurusberge in Anatolien. Silber wurde fur grossere Objekte verwendet: Gefasse, Zeremonialwaffen, einige Schmuckstucke. Ein Teil des Kopfschmucks der Puabi war auf Silberbasis aufgebaut.
Elektrum, die naturliche Legierung aus Gold und Silber im Verhaltnis von etwa drei zu eins oder vier zu eins, hatte seinen eigenen Wert. Sein warmer, leicht grungoldlicher oder weisslich-goldener Ton unterschied sich von reinem Gold und reinem Silber und schuf eine dritte Klangfarbe. Manche Kopfschmuckelemente und Schalen wurden eigens aus Elektrum gefertigt.
Das technische Niveau der Metallarbeit ist ausserordentlich. Sumerische Handwerker konnten Draht durch Steinzieheisen mit abnehmenden Lochergroessen zu haarfeinen Stucken ziehen, Goldblech von Bruchteilen eines Millimeters auf reliefierten Steinmatrizen pragen und Teile mit Kupfer-Gold-Eutektikum loten. Manche ihrer Verfahren gingen verloren und wurden erst im zwanzigsten Jahrhundert neu entdeckt. Das klassische Beispiel ist die Granulation. Der deutsche Goldschmied Wilhelm Elbert, der in den 1930er bis 1950er Jahren in Pforzheim arbeitete, verbrachte Jahre damit, sumerische und etruskische Stucke unter dem Mikroskop zu studieren und das Originalverfahren zu rekonstruieren. Die heutige Granulationstechnik baut auf seiner Arbeit auf.
Symbolik sumerischen Schmucks
Sumerische Darstellungen waren stets lesbar. Es handelte sich nicht um abstrakte Dekoration, sondern um eine prazise Zeichensprache, die jeden mit einer bestimmten Gottheit, einem Mythos oder einer sozialen Funktion verband. Fur einen gebildeten Bewohner von Ur war ein Schmuckstuck ein entfalteter Text.
Die Rosette und die achtblattrige Blume
Das Hauptsymbol der Inanna, Gottin der Liebe, der Fruchtbarkeit, des Krieges und des Planeten Venus -- spater Ischtar in akkadischer Uberlieferung. Die achtblattrige Rosette begegnet uberall: auf Diademen, Anhangern, Einlegearbeiten, Rollsiegeln und Tempelwanden. Acht Blatter entsprechen dem Achtpunktstern, einem weiteren Zeichen der Inanna. Diese Geometrie funktioniert gleichzeitig als Blume und als Sternkorper.
Der Achtpunktstern
Oft neben oder uber der Rosette. Es ist die direkte Abbildung des Planeten Venus, den die Sumerer Dilbat nannten. Der Morgen- und Abendstern war mit der Zweiheit der Inanna verbunden -- Kriegerin und Geliebte. Der Achtpunktstern wurde zu einem der langlebigsten Symbole der mesopotamischen Kultur: er uberlebte Sumerer und Babylonier, wanderte durch assyrische Siegel und lebt im heutigen Schmuck weiter.
Die Mondsichel
Symbol des Sin (auch Nanna genannt), des Mondgottes und Schutzpatrons von Ur. Die Mondsichel erscheint auf dem Schmuck von Ur fast so haufig wie die Rosette. Sichelfohrringe, Anhanger, Szepterabschlusse -- alles ist mit dem Mondkult verbunden. Sin galt als weiser Greis, der die Zeit zahlte und den Nachthimmel regierte.
Die Sonnenscheibe
Das Zeichen des Utu (Schama sch), des Sonnengottes und Gottes der Gerechtigkeit. Oft als Scheibe mit Strahlen oder als Scheibe in einer geflugelten Rosette dargestellt. Wichtig als Symbol des Rechts: In der sumerischen Tradition sieht und verzeichnet die Sonne alles, daher war das gottliche Siegel eines Richters genau die Sonnenscheibe.
Der Stier
Ein Kraftmotiv. Verbunden mit Enlil, dem hochsten Gott des Windes und der Herrschaft, im weiteren Sinne aber mit allem, was Starke und Fruchtbarkeit betrifft. Goldene Stierkovfe zierten Musikinstrumente (bekannt ist die Leier aus den Konigsgrabern), Anhanger und Keulenabschlusse. Ein Stier mit Lapislazuli-Bart ist eines der bekanntesten sumerischen Bilder.
Weintraube und Buchenbla tter
Fruchtbarkeit und konigli che Wurde. Der Buchenkranz im Kopfschmuck der Puabi verbindet die konigliche Person symbolisch mit der Pflanzenwelt und dem Erneuerungszyklus.
Rollsiegel
Eine eigene Welt. Ein kleiner geschnitzter Zylinder aus Halbedelstein (Lapislazuli, Karneol, Chalzedon, Achat) konnte an einer Schnur um den Hals oder an einem Stift an einem Ring getragen werden. Uber feuchten Ton gerollt, erzeugte er einen kontinuierlichen Fries-Abdruck. Die Kompositionen auf den Siegeln sind eine Enzyklopadie der sumerischen Mythologie: der Lowe nkampfer Gilgamesch, der Gott Enki mit zwei Wasserstromen, Fest-, Kampf-, Opfer- und mythologische Reiseszenen.
Techniken der sumerischen Handwerker
Das technische Repertoire des sumerischen Schmuckhandwerkers verdient eine genaue Betrachtung. Fast alles, was sie um 2500 vor unserer Zeitrechnung beherrschten, wird auch heute noch angewandt, teils mit minimalen Veranderungen.
Granulation
Das Auftragen kleinster Goldkugelchen -- von Bruchteilen eines Millimeters bis zu zwei oder drei Millimetern Durchmesser -- auf die Oberflache eines Objekts. Die Kugelchen werden durch Tropfenlassen von flussigem Gold auf Holzkohle oder in Wasser hergestellt, dann nach Grosse sortiert. Sie werden ohne Lot durch Diffusionsbondieren mit der Unterlage verbunden: Beim Erhitzen mit einem organischen Bindemittel fusionieren Goldteilchen und Grundflache im Kontaktpunkt. Die Verbindung enthalt keine Lotreste.
Sumerische Handwerker beherrschten die Granulation bis etwa 2500 vor unserer Zeitrechnung. In den folgenden Jahrtausenden verbreitete sich die Technik in Agypten, auf dem minoischen Kreta und in Etrurien. Am Ende der Antike ging sie allmahlich verloren, und europaische Goldschmiede konnten sie bis ins zwanzigste Jahrhundert nicht vollstandig reproduzieren. Die Wiederbelebung ist dem deutschen Handwerker Wilhelm Elbert zu verdanken, der in den 1930er Jahren systematisch sumerische und etruskische Stucke unter dem Mikroskop studierte und den Originalprozess rekonstruierte. Die heutige Granulation stutzt sich auf seine Erkenntnisse.
Filigran
Das Weben dunner Gold- oder Silberdraht zu einem offenen Gitterornament. Der Draht wird durch ein Zieheisen mit einer Reihe abnehmender Locher gezogen, dann gedreht, geplattet, zu Spiralen gebogen und entweder auf eine Unterlage gelotet oder als freistehende Durchbruchstruktur zusammengesetzt. Sumerische Stucke kombinieren oft Filigran und Granulation.
Einlegearbeit
Steine und farbige Materialien werden in Goldstege -- aus Band gebogene und auf die Unterlage gelotet e Zellen -- eingefasst. Das ist der direkte Vorlaufer des mittelalterlichen Cloisonne, das in Byzanz und bei den Kelten seinen Namen und Status als eigenstandige Schule erhielt, aber in Mesopotamien erfunden wurde.
Pragen
Ein Gold- oder Elektrumblech von Bruchteilen eines Millimeters Starke wurde auf eine Steinmatrize mit Reliefschnitzerei gelegt und mit einem Werkzeug, das das Muster auf das Metall ubertrug, eingepresst. So wurden Goldapplikationen fur Holzgefasse, Diadema uflagen und dunne Blatter fur Kranze hergestellt.
Drahtket ten
Sumerische Ketten sind bemerkenswert: Handwerker konnten Golddraht zu komplexen geflochtenen Kordeln verweben, bei denen jedes Glied durch mehrere Nachbarglieder lauft und eine dichte, flexible Konstruktion ergibt. Einige dieser Flechtarten kehrten erst in der Neuzeit in die Schmuckpraxis zuruck.
Moderner Schmuck im sumerischen Stil
Das Interesse am sumerischen Erbe im Schmuck begann mit Woolleys Veroffentlichungen in den 1930er Jahren und den ersten Ausstellungen der Ur-Funde im British Museum und in Philadelphia. Die Presse schrieb damals uber Konigin Puabi und ihren Kopfschmuck ahnlich ausgiebig wie ein Jahrzehnt spater uber Tutanchamun. Das Publikum entdeckte, dass eine Zivilisation existiert hatte, deren Schmuck dem Agyptens in nichts nachstand und weit weniger bekannt war.
Der Art deco griff die Welle schnell auf. Die Geometrie der Rosette, des Achtpunktsterns und der Sonnenscheibe fugte sich natur lich in die Formsprache der 1920er und 1930er Jahre. In Paris und New York entstanden Schmuckstucke in der Lapislazuli-Karneol-Gold-Palette mit klaren geometrischen Motiven.
Eine zweite Welle kam in den 1960er und 1970er Jahren mit der Mode fur ethnischen, archaologischen und museumsinspirierten Schmuck. Silberrepliken sumerischer Halsketten wurden auf dem Kunsthandwerksmarkt in Europa und Nordamerika sichtbar.
Heutiger sumerisch inspirierter Schmuck gliedert sich in drei Richtungen.
Genaue Museumsrepliken: teure Einzelstucke, die Originale mit hoher Treue reproduzieren. Solche Objekte werden von Universitatsmuseen, Kulturfonds und Privatsammlern in Auftrag gegeben. Eine Replik des Diadems der Puabi, von Hand mit echter Granulation, Lapislazuli aus dem afganischen Sar-i-Sang und Karneol zusammengestellt, kann eine Werkstatt mehrere Monate beschaftigen.
Freie Interpretationen mit sumerischen Techniken und Motiven in zeitgemasser Form. Das ist keine Replik mehr, sondern eine eigenstandige Arbeit: Der Schmied nimmt Granulation, Filigran oder Einlegearbeit und schafft damit etwas Neues -- dem Geist nach sumerisch, in Proportion und Funktion zeitgenos sisch.
Einzelne sumerische Motive im minimalistischen Schmuck. Der Achtpunktstern als einziges Element eines Anhengers. Die Rosette der Inanna auf einem Ring. Die Mondsichel des Sin in schlicht geformten Ohrringen.
Materialien und Techniken heute
Moderner sumerischer Schmuck verwendet fast nie reines Gold hoher Karat als Hauptmaterial. Originale wurden in zweiundzwanzig Karat und mehr gefertigt, doch heute gehort das zur seltenen Sonderanfertigung. Das Hauptmaterial fur Repliken und Interpretationen ist Sterlingsilber. In vielen Fallen ist es vergoldetes Silber: Vermeil, mit einer Goldschicht von mehreren Mikrometern, die eine warme goldene Oberflache bei zuganglichem Grundmaterial ergibt.
Lapislazuli wird noch heute in Afghanistan aus demselben Sar-i-Sang gefordert. Qualitativ hochwertiger afghaner Lapislazuli mit dichtem Blauton und goldfleckigen Pyriteinschlussen ist die Grundlage jedes ernsthaften zeitgenossischen sumerischen Schmuckstucks.
Karneol ist heute aus mehreren Quellen erhaltlich: Indien (einschliesslich der historisch harappanischen Gujarat-Region), Brasilien und Madagaskar. Qualitativer indischer Karneol kommt dem antiken Material in Dichte und Farbe nahe.
Granulation und Filigran werden nach traditionellen Methoden von Hand ausgefuhrt. Lasergravur von Keilschrift ist eine relativ neue Option, die einen feinen Textakzent hinzufugen kann: einen Namen, ein kurzes Zitat, ein ideografisches Zeichen.
Silber, Gold, symbolische Motive, Partnersets. Inanna-Rosette, Sichelanhanger, mesopotamisch inspirierte Stucke.
Fur wen ist das gedacht
Die sumerische Asthetik spricht eine bestimmte Art von Mensch an. Sie ist keine universelle Schmucksprache -- und das ist ihre Starke.
Liebhaber antiker Zivilisationen. Wer Samuel Noah Kramer, Thorkild Jacobsen oder Ubersetzungen des Gilgamesch-Epos gelesen hat, wer das Vorderasiatische Museum Berlin oder das British Museum besucht und lange vor der Standarte von Ur gestanden hat. Solch ein Schmuckstuck ist ein personliches Zeichen der Zugehorigkeit zu einem bestimmten Leserkreis.
Archaologen, Assy riologen, Studierende der Alten Geschichte. Ein professionelles Geschenk fur einen Kollegen, einen Betreuer oder einen Absolventen: eine sichere Wahl.
Sammler ethnischen und Museumsinspirierten Schmucks. Wer bereits Tuareg-Silber, sudindische Granate oder turkisches Filigran besitzt -- die sumerische Schicht fugt sich naturlich ein.
Museumsbesucher und Reisende. Mesopotamische Sammlungen befinden sich im Vorderasiatischen Museum Berlin, im British Museum in London, im Louvre in Paris, im Penn Museum in Philadelphia und im Nationalmuseum des Irak in Bagdad. Ein Stucke mit sumerischem Motiv nach einem Besuch in einer dieser Sammlungen ist eine lebendige Erinnerung an die Begegnung mit einem Artefakt.
Leser mythologischer und epischer Literatur. Das Gilgamesch-Epos, das Enuma Elisch, der Mythos von Inannas Abstieg: all das lebt in der zeitgenossischen Kultur als steter Hintergrund. Ein Anhanger mit der Rosette der Inanna oder dem Achtpunktstern der Ischtar wird zum materiellen Anhaltspunkt des Gelesenen.
Sumerische Asthetik ist nicht fur diejenigen geeignet, die leichte Alltagsdekoration ohne historische Tiefe suchen. Sumer ist immer gewichtig: Selbst in minimalistischen Interpretationen tragt es funftausend Jahre Kulturgeschichte. Fur ein streng zeitgenos sisches Buroumfeld oder reinen Minimalismus kann das zu dicht sein. In diesem Fall empfiehlt es sich, sich auf ein einziges Akzentelement zu beschranken: einen Anhanger mit dem Achtpunktstern, einen Ring mit der Rosette oder Sichelohrringe.
Haufige Fragen
Stimmt es, dass Dienerinnen und Diener lebendig mit Konigin Puabi begraben wurden?
Ja, das ist durch den wissenschaftlichen Befund bestatigt. In Grab PG 800 und angrenzenden Konigsgrabern von Ur fand Woolley Dutzende Begleitkorper: Wachter, Hofdamen, Wagenlenker. Computertomografische Untersuchungen der Schadel im einundzwanzigsten Jahrhundert ergaben Spuren von Schlagenan die Schlafe mit einem stumpfen Gegenstand. Die Begleiterinnen und Begleiter wurden offenbar durch ein Praparat betaubt und dann getotet, bevor sie in Begrabni sposen gelegt wurden. Aus heutiger Sicht ist das Barbarei, im Kontext der fruhen Bronzezeit war es ritueller Brauch, der auch in anderen Kulturen von China bis Nordafrika belegt ist.
Kann man ein echtes sumerisches Artefakt kaufen?
Praktisch nicht. Authentische Stucke aus den Konigsgrabern von Ur sind Museumsbesitz mit Katalognummern im British Museum, Penn Museum und Nationalmuseum des Irak. Jedes Stuck, das auf dem Privatmarkt als originales sumerisches Artefakt angeboten wird, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit entweder eine Qualitatsreplik oder ein illegal entferntes Objekt, oft im Zusammenhang mit der Plunderung des Nationalmuseums des Irak im April 2003. Solche Kaufe sollten aus ethischen Grunden vermieden werden.
Warum war Lapislazuli so wichtig fur die Sumerer?
Drei Grunde. Erstens die Farbe: In der sumerischen Mythologie war das Blau des Lapislazuli der Himmel, auf dem die Gotter wohnten, und das Haar der Gottin Inanna. Zweitens der Rang: Der Stein wurde nur im afganischen Badachschan gewonnen, uber zweieinhalbtausend Kilometer von Ur entfernt, was ihn zu einem seltenen und kostbaren Material machte. Drittens die Haptik: Lapislazuli ist dicht, schwer und angenehm zu halten, mit charakteristischen goldfleckigen Pyriteinschlussen.
Wie unterscheidet man echte Granulation von gestempelter Imitation?
Echte Granulation besteht aus einzelnen Kugelchen, die einzeln auf die Oberflache aufgelotet wurden. Unter Vergrosserung ist jedes Kugelchen eine perfekte Kugel mit eigenem Schatten und einem Kontaktpunkt mit der Unterlage. Eine gestempelte Imitation erzeugt ein flaches Relief mit Pseudokugelchen, die Teil des Metallblechs selbst sind. Echte Granulation fuhlt sich rau und dreidimensional an, ein Stempel ist glatt mit sanften Welligkeiten.
Eignen sich sumerische Motive fur Manner?
Ja, und sogar besser als viele andere historische Schmucktraditionen. Sumer war in seiner Einstellung zum Schmuck gendergleich: Die Konige von Ur trugen genausoviel Gold wie die Koniginnen. Fur eine mannliche Garderobe eignen sich Rollsiegel an einer Schnur, Siegelringe mit geschnitzten Motiven, Anhanger mit Gilgamesch im Kampf gegen den Lowen, breite granulierte Manschetten und Stierkopfanhanger.
Uber Zevira
Zevira ist eine spanische Schmuckmarke aus Albacete. Die historisch-archaologische Linie mit sumerischen Motiven ist eine Kategorie im Katalog. Aktuelle Verfugbarkeit und alle Details finden Sie im Katalog.











